„Jede Frau sollte wissen, dass sie das Potential zur Chefärztin hat“

Dr. Behnoush Behnia ist eine der jüngsten Chefärztinnen in der Region Berlin-Brandenburg und sogar bundesweit. Sie hat die Leitung der psychosomatischen Rehabilitation in der Brandenburgklinik Berlin-Brandenburg übernommen. Warum Sie ein Vorbild für Frauen sein möchte, warum die Traumatherapie künftig Teil der Abteilung sein soll und was die junge Berlinerin mit singenden Seelenklempnern zu tun hat, erklärt sie im Interview.

Chefärztin mit 35 Jahren. Damit sind Sie eine der jüngsten, wenn nicht sogar die jüngste Chefärztin in Berlin und Brandenburg. War das Schicksal oder Ziel?

Dr. Behnoush Behnia: Es war immer mein Ziel, früher oder später etwas als Chefärztin zu bewirken. Darauf habe ich die vergangenen Jahre hingearbeitet. Zum Beispiel habe ich ein Jahr lang im Rahmen eines Mentorinnenprogramms eine Chefärztin begleitet, um Arbeitsabläufe zu lernen, Problemstellungen zu erkennen, die einem begegnen können oder auch Soft Skills mitzunehmen. In leitender Funktion als Oberärztin habe ich außerdem die Fähigkeit zur Führung ausgebaut. Aber um ehrlich zu sein, hatte ich mit der Position vielleicht in 10 Jahren gerechnet. Dann kam das überraschende Angebot von der Brandenburgklinik. Ich habe das als Herausforderung gesehen, die ich angehen wollte. Denn es gibt viel Potenzial, die Abteilung mitzugestalten, bewährtes mit neuen Methoden zu verbinden und auch neue Schwerpunkte zu setzen. Gleichzeitig war es auch ein wichtiges Statement, denn Frauen in chefärztlichen Positionen sind noch immer selten.

Das heißt, sie wollen damit auch ein Vorbild sein?

Dr. Behnoush Behnia: Die gläserne Decke in der Medizin ist offenkundig. Sprich das Phänomen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht in Führungspositionen aufsteigen. Da sind die Psychiatrie und die Psychosomatik nicht ausgenommen. Aus nicht klaren Gründen geht es für Frauen nach der Stelle als Oberärztin häufig nicht weiter. Ich wünsche mir, dass sich viele Medizinerinnen durch Beispiele wie dieses bestärkt oder ermutigt fühlen, den nächsten Schritt zu gehen und dranzubleiben. Jede Frau sollte wissen, dass sie das Potenzial zur Chefärztin hat und nicht schon per se aufgrund des Geschlechtes ausgeschlossen ist. Auf der anderen Seite müssen wir auch als Vorbilder vorangehen, um Klischees aufzubrechen und zu zeigen, dass wir als Frauen sachliche, klare Entscheidungsfindungen vorantreiben und nicht emotionale Befindlichkeiten voranstellen, wie oft unterstellt wird.

Sie sind nun seit einem Monat Chefärztin der psychosomatischen Rehabilitation in der Brandenburgklinik. Was haben Sie bisher für einen Eindruck?

Dr. Behnoush Behnia: Vor dem ersten Tag war ich nervös, fast, als wäre es mein erster Schultag. Aber das hat sich schnell gegeben. Ich habe einen sehr positiven Start gehabt und bin glücklich, dass das Team der Psychosomatik gerne dort arbeitet und Freude an den Inhalten hat. Denn genau das ist mir wichtig, weil wir es unseren Rehabilitanden vorleben. Ich möchte hier weiter ansetzen und teambildende Maßnahmen ausbauen. Es gibt viele Ideen, die wachsen – auch gemeinsam. Zuerst aber hatte ich mir vorgenommen, jeden Mitarbeiter auch einzeln persönlich kennenzulernen. Denn das Wissen ist sehr wertvoll, was sich unsere Kollegen für sich, aber auch für die Arbeit und die Klinik wünschen. Wir wollen gemeinsam Veränderungen einführen. Das klappt nur dann, wenn wir uns alle gut darauf einlassen und uns gegenseitig mitnehmen.

Welche Veränderungen möchten Sie in der Abteilung?

Dr. Behnoush Behnia: Wir wollen die Behandlungen anpassen und zum Beispiel verhaltenstherapeutische Elemente, die sogenannte dritte Welle, einbringen. Das hat nichts mit Corona zu tun. Es sind neuartige Methoden der Verhaltenstherapie, die individualisiert auf Patientenbedürfnisse eingehen. Die störungsspezifischen, neuen Modelle sind integrativ, man baut auch Elemente aus anderen Therapieeinrichtung ein. Was wir zeitnah angehen nennt sich ACT, Acceptance and Commitment Therapy, mein leitender Psychologe ist ein Experte auf dem Gebiet. Bei ACT geht es um Achtsamkeit und darum, negative Gefühle zulassen zu können. Gerade bei depressiven Patienten gibt es die Herausforderung, dass sie immer wieder in Grübelschleifen geraten, viel über die Vergangenheit nachdenken und dann Fehler nicht loslassen können. In dieser Methode würde man sagen: Es ist völlig in Ordnung, dass der Schmerz und die Belastung da sind, aber jetzt ist es an der Zeit, loszulassen und im Hier und Jetzt zu leben. Darüber hinaus wollen wir weitere, andere Methoden einbringen, zum Beispiel schematherapeutische Elemente, CBASP für Patienten mit
chronischer Depression. Das ist ein psychotherapeutisches Programm, bei dem es darum geht, in Beziehung zu gehen mit Patienten und diese aufzuarbeiten. Negative Erlebnisse in Beziehungen schon im Kindesalter sorgen dann für Misstrauen oder Pessimismus. Betroffene glauben dann von vornherein wieder enttäuscht zu werden.

Sie haben doch auch eine Traumatherapieausbildung, die sehr begehrt ist. Wie bringen Sie diese ein?

Dr. Behnoush Behnia: Es gibt sehr viele Patienten und Patientinnen, die sehr lange mit einer posttraumatischen Belastungsstörung nicht behandelt werden. Denn die Wartelisten für
Traumatherapie sind lang. Gerade für die Rehabilitation ist das ein wichtiger Anknüpfungspunkt, wenn wir hier spezielle Angebote schaffen, weil Patientinnen und Patienten mit einer guten und adäquaten Behandlung, die spezifisch ist, viel schneller wieder ins Arbeitsleben integriert werden können. Deshalb ist das ein ganz wichtiger Schwerpunkt, den ich etablieren möchte. Denn Symptome der PTBS wie Flashbacks, also Bilder, die real wirken oder Albträume, verbunden mit Schlafstörungen und Tagesmüdigkeit, führen zur eingeschränkten Belastbarkeit.

Hat die klassische psychosomatische Medizin ausgedient?

Dr. Behnoush Behnia: Die Psychosomatik ist klassischerweise aus der Tiefenpsychologie entstanden, die Verhaltenstherapie kam deutlich später. Die neue Welle kam zum Beispiel in den 90er Jahren. Für medizinische Verhältnisse ist das relativ jung. Ich möchte zu den klassischen Behandlungsmethoden der Psychosomatik zusätzliche Manuals einbringen, die auch die neuen Methoden berücksichtigen und eine einheitliche Behandlung schaffen, die in sich natürlich trotzdem auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten abzielt. Sie hat also nicht ausgedient. Wir rütteln nur ein wenig an der Medizin und erweitern klassische Behandlungskonzepte. Darüber hinaus prüfen wir unabhängig davon auch einen interkulturellen Ansatz, etwa das Angebot von russischsprachigen oder türkischsprachigen Gruppen.

Was reizt Sie an der Rehabilitation?

Dr. Behnoush Behnia: Spannend an der Rehabilitation ist für mich, dass es einen großen Anteil Psychotherapie gibt. Hier anzusetzen mit Verantwortung und Handlungsspielräumen schafft die Möglichkeit, positiv einzuwirken und etwas zu verändern. Es war schon immer mein Wunsch, einerseits ressourcenschonend zu arbeiten und andererseits das Beste für Patienten herauszuholen. Mit unserer Arbeit in der Rehabilitation schließen wir außerdem eine wichtige Lücke, weil Akuthäuser zunehmend wirtschaftlicher arbeiten müssen und die Verweildauern zu kurz sind. Durch die konzentrierte Dauer von fünf Wochen Behandlung im Anschluss schaffen wir es, Patientinnen und Patienten viel schnell unter dem klassischen Ansatz „Reha vor Rente“ wieder in das Arbeitsleben zu integrieren oder den Weg dorthin zu ebnen.

Viele Menschen fürchten die aktuelle Pandemie und verschieben notwendige Maßnahmen, um sich nicht erhöhten Risiken auszusetzen. Also Hand aufs Herz: Corona und Reha, geht das?

Dr. Behnoush Behnia: Wir merken natürlich, dass einige Menschen, bei denen eine Rehabilitation unbedingt und rasch notwendig ist, momentan zögern. Allerdings sollte man die Frage stellen, ob die Angst auch berechtigt ist. Es gibt Menschen, die mit einer hypochondrischen Veranlagung fast schon eine Angststörung in der Pandemie entwickeln. Da würde ich sagen: Kommen Sie in jedem Fall, die behandeln wir gleich mit. Bei ausgeprägten chronischen Erkrankungen ist es wichtig, selbst abzuwägen und eine Entscheidung zu treffen. In der Brandenburgklinik haben wir allerdings ein sehr strenges Konzept, um für die Sicherheit unserer Patienten, aber auch der Mitarbeiter zu sorgen. Es gibt eine FFP2-Maskenpflicht, aufgeteilte Essenszeiten, klare Wege und definierte Mindestabstände. Außerdem gibt es regelmäßige Tests – auch für Patientinnen und Patienten. Außerdem haben wir einen sehr wichtigen Luxus: Es gibt ausschließlich Einzelzimmer.

Sie sind Chefärztin, Dozentin und Forscherin. In Ihrem Fachgebiet geht es auch darum Kraft zu spenden, durchzuatmen, einmal zurückzugehen und dann nach vorn zu gehen. Wie schaffen Sie sich selbst einen Ausgleich?

Dr. Behnoush Behnia: Ich lese, gehe gern in die Yorck-Kinos – sobald das wieder möglich ist – stöbere auf YouTube und lasse mich von Kochvideos inspirieren, aber vor allem singe ich. Jeden Montag seit Ende 2013 bei den „Singing Shrinks“. Das heißt übersetzt „singende Seelenklempner“. Weltweit ist es der einzige Chor, der nur aus Psychiatern, Psychologen und Neurologen besteht. Wir nennen uns zumindest so lange so, bis jemand anderes behauptet. Wir üben jeden Montag, aktuell über Zoom – und machen auch Videoprojekte in der Zeit, in der wir nicht auftreten können. Es ist ein sehr schöner Austausch und auch Abwechslung zum Alltag. Gemeinsam tanken wir montags Kraft für die Woche. Und wer weiß, sobald wir wieder auftreten können, klappt das vielleicht auch in der Brandenburgklinik.

 

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